Wasser, Wasser überall, allweil kein Schluck zu trinken

Wenn es innerhalb einer Gesellschaft an religiösen oder brauchtümlichen Regelwerken der Morallehre fehlt, wird die Moral sämtliche Bedeutung innerhalb einer Generation verlieren, die ihr überliefertes Erbe nicht länger mehr blindlings als unversehrt und gültig betrachtet. Solch einer Generation ist es bestimmt, durch eine bedrohliche Übergangsperiode der Leere zu wandeln. Dies wiederum würde ein neues Verlangen nach Fragen erzeugen. Der Vorgang des Fragens kann oder kann auch nicht zur Entdeckung eines besseren und mehr befriedigenderen Regelwerks des Verhaltens führen. Andererseits kann derlei sogar im vollkommenen Chaos enden oder in einem Zustand moralischer Anarchie. Unglücklicherweise ist es aus meiner Sicht die letztere Option, die die Wahl der modernen Gesellschaft zu sein scheint.

Ein Wind der Veränderung durchweht die Gesellschaften der Welt, seien sie von östlicher oder westlicher, religiöser oder weltlicher Art. Es ist ein übler Wind, der das gesamte Weltklima vergiftet. Die moderne Welt scheint sich wesentlich mehr des Verschmutzungsgrades der äußeren Atmosphäre bewusst zu sein, als des rapiden Anstiegs des Verschmutzungsgrades in unserer gesellschaftlichen Umgebung. Offensichtlich über ein derartiges Zeitalter sprechend, erklärt der Heilige Qur-ân:

„Bei der flüchtigen Zeit, wahrlich der Mensch ist in einem Zustand des Verlusts, außer denen, die glauben und gute Werke tun und einander zur Wahrheit mahnen und einander zum Ausharren mahnen.“ (Sura 103 Al-Asr, Verse 2-4)

Ausplünderung, Doppelzüngigkeit, Scheinheiligkeit, Selbstsucht, Unterdrückung, Habgier, das irrwitzige Streben nach Befriedigung, Undiszipliniertheit, Bestechlichkeit, Diebstahl, Raubüberfälle, Menschenrechtsverletzungen, Betrug, Treulosigkeit, Verantwortungslosigkeit sowie das Fehlen gegenseitigen Respekts und Vertrauens sind zum Markenzeichen der modernen Gesellschaft geworden.

Die dünne Tünche der Zivilisation kann die Hässlichkeit nicht länger verbergen, die mehr und mehr zum Vorschein kommt. Gleichwohl wäre es falsch zu behaupten, dass es diese drohenden Zeichen menschlichen Versagens in der Vergangenheit nicht gegeben hätte. Tatsächlich haben viele vergangene Zivilisationen an denselben Krankheiten gelitten, bevor ihre Kapitel im Buch der menschlichen Geschichte endgültig geschlossen wurden.

Es wäre falsch, irgendeine bestimmte Region der Erde herauszupicken, die von moralischen Verderbtheiten befallen ist. Gesellschaften beginnen überall gleichermaßen zu zerbrechen. Gegenüber jenen Ländern, in denen totalitäre Ideologien herrschen, entpuppt sich innerhalb der sogenannten freien Welt das steigende Bewusstsein um die persönliche Freiheit in sich selbst als einseitiger Entwicklungsverlauf, der zum großen Teil für das zunehmend ungebührlichere gesellschaftliche Benehmen verantwortlich ist. In den von totalitären Ideologien regierten Ländern steht diese fortschrittliche Bewusstseinszunahme um persönliche Freiheit in einer erbitterten Schlacht der Befreiung des Einzelnen von vollständiger, alles umfassender Kontrolle.

Sofern es keinen konterrevolutionären Aufstand innerhalb der starken extremen Linken der bewaffneten Streitkräfte gibt, wird dieser Entwicklungsverlauf die Schlacht aller Wahrscheinlichkeit nach sehr bald gewinnen. Was anschließend geschehen mag, lässt für diemoralischen Zukunftsaussichten der emanzipierten Jugend in den ehemals kommunistischen Ländern Böses erahnen. Fast zwei Generationen sind in der Leere einer gottlosen Gesellschaft zu Erwachsenen herangereift – mit nichts, um moralisches Verhalten zu lenken und an Selbstbeherrschung zu gewöhnen. Abgesehen vom Fehlen eines eingebauten Regelwerks moralischer Wertvorstellungen, festbegründet auf religiösen Denkweisen, kann die Gefahr einer eitlen, verspielten Bedürfnisbefriedigung sowie unverantwortlicher Neigungen, die sich aus dem Westen über die Jugend der UdSSR und Osteuropa ergießen, in den kommenden Jahren verheerende Auswirkungen auf ihr moralisches Verhalten haben.

Gleichzeitig kann nicht übersehen werden, dass die Erfahrung, über viele Jahrzehnte hinweg ohne Religion zu leben, einer zeitgenössischen Gesellschaft nicht nur schlecht bekommen ist, sondern ihr ebenfalls zu einigen deutlichen Vorteilen verholfen hat.

Die sozialistische Revolution Russlands hat die Bande der sozialistischen Welt nicht nur zur Religion zerrissen, sondern gleichermaßen auch diejenigen religiösen Lehrsätze und Ansichten, die selbst verfälscht und entstellt worden waren. Sei es Christentum oder Islam, welcher Religionsgemeinschaft die Christen oder Muslime auch immer angehörten, über den Entwürfen ihrer entsprechenden Religionen lag eine Mittelalterlichkeit, die in vielen Glaubensbereichen eine Parallaxe zwischen religiösen Lehrmeinungen und den Wirklichkeiten der Natur bewirkt hatte. Es konnte nicht beides gleichzeitig wahr sein.

Ein spezielles Üben des Bewusstseins war vonnöten, die Widersprüche zwischen den religiösen Ansichten sowie den Tatsachen der Natur zu sehen, und sich dadurch trotzdem nicht beunruhigt zu fühlen. Mit Widersprüchen zu leben ist vielleicht nicht einfach, außer wenn Widersprüche Generation um Generation in die Menschen hineingezüchtet werden. Allmählich wird der Zeitpunkt erreicht, wenn religiöse Gemeinschaften schließlich irgendwie mit Widersprüchen leben können, ohne ihre Anwesenheit zu bemerken.

Was die sozialistische Revolution ihrer Bevölkerung unter anderem antat, war, sie von verbohrten Lehrmeinungen zu säubern und sie von Geschiele und Kurzsichtigkeit zu heilen. Dies wiederum hat sie mit einer Art Unschuld beschenkt, die ausschließlich durch die vollkommene Abwesenheit von Heuchelei erreicht werden kann. Es ist noch zu früh zu sagen, ob dieser Zustand der Unschuld sich in den kommenden schwierigen Zeiten des Überlebens zu einem moralischen Vorteil wenden lässt. Eines ist aber sicherlich klar. Sie stehen dem Empfangen der Botschaft des Friedens und dessen Anerkennung ohne Vorurteile weit zugänglicher gegenüber als alle anderen Völker in der heutigen Welt.

Leider kann gleiches über die ansteigenden egoistischen Strömungen bei den sogenannten „freien“ Menschen, die in der Welt von heute leben, nicht behauptet werden.

Man kann praktisch alles tun, indem man die Freiheit im Namen der persönlichen Freizügigkeit rechtfertigt. Die Vereinigten Staaten von Amerika beeinflussen als die Führer dieser Entwicklung weitreichend und gründlich nicht nur die Erste-Welt-Staaten in Europa, sondern gleichermaßen die Menschen der Zweiten und Dritten Welt. Das Echo dieser verzerrten Auffassung, dass persönliche Freiheit einen von der Ordnung moralischer Lebensführung befreit, ist weit über die weltfremden Schleier eines Wissenschaftlichen Sozialismusses hinweg zu hören.

Die Schwulen, Lesben, Drogenabhängigen, Skinheads, Punks und Kriminellen aller Art, sie alle nehmen an Zahl und Stärke zu. Ihre Unverfrorenheit, dass eigene Benehmen dadurch zu verteidigen, dass sie ihren Mahner einfach fragen:

„Warum nicht?“,

ist zur unheilvollen Herausforderung der gegenwärtigen Gesellschaft aufgestiegen.

Aus dem Buch “Islam – Antworten auf die Fragen unserer Zeit” von Seiner Heiligkeit Mirza Tahir Ahmad